Dienstag, Juni 06, 2006

Kapitel 2 - Chaos

Chaos. „Alle Passagiere des Fluges LH 2700 nach Peking werden zum Boarding gebeten“ klingt es aus den hoch oben schwebenden Lautsprechern. Eine studentische Aushilfe versucht Ordnung in diese wirre Ansammlung Flugreisender zu bringen, die so bunt gemischt sind wie eine Mannerschnitte. Der schokoladige Touristenteil drängt in Richtung Passkontrolle, nur hin und wieder durchzogen von einer Keksschicht Geschäftsreisender, deren Anzüge krampfhaft versuchen ihre geträumte Autorität darzustellen und ihnen einen schnellen Weg zu den mit der Financial Times bewaffneten Stewardessen zu bahnen. In der zollfreien Zone gibt es wohl einen Aldi, denn in der Schlange vor der Gepäckkontrolle sieht es aus, als ob die neue Terassenstuhlkollektion soeben rausgekommen ist.

Damit ich nicht meine Nagelschere benutze und das Flugzeug kapere und mit diesem in meine alte Schule fliege, um gegen die hoffentlich nicht ganz hoffnungslose Reform des Bildungssystems zu protestieren, wird mir diese mit einem breiten Grinsen der Flughafenangestellten abgenommen.

Früher hatte man eine Nagelschere fürs Leben, Heute wurden diese in China hergestellt, nach Europa geflogen und dort verkauft, um sie dann vor einem Flug nach China der Lufthansa zu schenken. Wenigstens wären die Scheren aufgrund des großen Angebots der Flughafenauktionen bald billiger als in Asien.

Der kleine Junge vor mir musste sein Taschenmesser nicht abgeben; er war noch zu jung um zu hassen. Deshalb grinste er auch nur schelmisch auf meine schmutzigen Fingernägel, als mein Nageletui seinen Weg in die Hände des Sicherheitsdienstes nahm.

Jetzt wurde mein Laptop auf Plastiksprengstoff durchleuchtet, ich sah wohl zu arabisch aus mit meinen schwarzen Haaren und dem Bart.

Wenn in jedem Laptop eine Ladung Sprengstoff wäre die man zentral zünden könnte, so könnte man auf einen Schlag eine Gleichverteilung von Arm und Reich herstellen, denn die Oberschicht hatte schon Telefone, mit denen man alles machen konnte und die Unterschicht musste noch ihr Gehirn benutzen.

Nur um den Auslöser zu drücken, bräuchte man leider ein Handy, kein Gehirn!

Samstag, Juni 03, 2006

Kapitel 1 - Flau

Flau. Nicht nur das Wetter verdiente dieses Attribut als ich in dieser mittelmäßig klischeebelasteten Nacht den zweitgrößten von 3 mäßig ausgelasteten Flughäfen einer mitteleuropäischen Metropole betrat. Sogar die geschäftsreisende, Mittelscheitel tragende Mittelschicht war hier mittiger als sonst wo. Auch mein Magen ließ mich fühlen, dass ihm seine zentrale Position bei so viel Konkurrenz nicht mehr gefiel.
3 Eingangstüren. Als ich mich das letzte mal durch diese 3 Pforten auf die Suche nach der Abteilung Pissoirs begeben hatte, musste ich feststellen, dass sich diese gerade dort befanden, wo die Reinigungsdamen soeben mit angeekeltem Mundwinkel herausgetreten waren. Tor 2.
Wir Männer waren keine Randgruppen, wie etwa Frauen und Behinderte. Nein! Selbstverständlich stand uns die mittlere Tür zu, der kürzeste Weg zwischen der Bar und den kleinen fußballförmigen Klosteinen, die wir Männer mit der Hand als Dirigent unseres kleineren, aber wichtigeren Gehirns in ein imaginäres Tor schießen konnten. Schiedsrichter dieses Pee-Entertainments waren selbstverständlich die Putzfrauen, nur dass man nach einem Foul oder Abseits lieber 11 Meter Abstand zu ihnen, als zum Tor halten sollte.

Einleitung meiner Geschichte

Sie hatte mich geschlagen. Während ich mir bewusst wurde was gerade passiert war, begann sich schon ein sternförmiger, rot glühender Abdruck auf meiner sonst so zartweißen Backe abzuzeichnen. Da kam auch schon der Wortschwall.

Wie könne ich es mir herausnehmen, sie um so etwas zu bitten. Ich sei pervers, schlimmer noch, ich sei ein zukünftig Birkenstock tragender Mitläufer, der in einem Moment die "Grünen" und im anderen die "DVU" wähle, weil er keine eigene Meinung hätte und Sonntagmorgen um 6 aufstünde und die nächstgelegensten Nachbarn mit einem frisch gebrühten Pulverkaffee und Geschichten über die Zeugen Jehovas weckte.

Ich war noch immer beeindruckt. Nicht nur, dass sie die in ihrem Yoga-Kurs neu entdeckte innere Stärke und die bei den mit ihrem Psychologen verbrachten Nächten physisch erworbene Stärke gegen mich verwendete; sie beleidigte mich auch in einer kreativen und grammatikalisch korrekten Weise, wie man es nicht erwarten würde, wenn man sie kennen lernte. Nur der Teil mit dem frisch gebrühten Pulverkaffee ließ mich noch in Erinnerungen an ihre subtile Naivität schwelgen. Aber zurück zu dem schmerzhaften Sternzeichen auf meiner Backe.